Sehr verehrter Herr
Sternheim!
Nach Ihrer schönen VorlesungCarl Sternheim gab am 6.2.1914 in der Galerie Caspari in München (Eichthal-Palais,
Briennerstraße 52, gegenüber dem Café Luitpold) eine Lesung im Rahmen der „Forum“-Abende
(veranstalter von Wilhelm Herzog, Herausgeber der Zeitschrift „Das Forum“), bei der
er drei Gedichte von Ernst Stadler und anschließend sein Drama „Der Snob“ (1914) vorlas:
„Karl Sternheim las am fünften der ‚Forum-Abende‘ vor einer lebhaft Beifall spendenden
Zuhörerschar seine Komödie ‚Der Snob‘ [...]. Zu Beginn des Abends brachte Sternheim
drei Gedichte des Elsässers Ernst Stadler zum Vortrag“ [ae.: 5. Forum-Abend. In: Münchner
Neueste Nachrichten, Jg. 67, Nr. 70, 8.2.1914, Vorabendblatt, S. 3]. Wedekind hatte
Carl Sternheim bereits davor getroffen, in der Buchhandlung Heinrich Jaffe (Briennerstraße
54), und kam anschließend erneut in größerer Runde mit ihm zusammen (dabei waren Emmy
de Vargas, Eveline Landing, Joachim Friedenthals Freundin Blanka Marion sowie Wilhelm
Herzog), wie er am 6.2.1914 notierte: „Treffe Sternheim bei Jaffé Sternheimvortrag
bei Kaspari Restaurant Schleich Sternheim die Damen de Vargas Landing und Friedenthal
Marion Wilhelm Herzog.“ [Tb] Thea Sternheim hielt am 8.2.1914 dazu fest: „Nachmittags
kommt Karl von München. Der Snob habe im gestrigen Vortrag grossen Erfolg gehabt.
Die Stadlerschen Gedichte weniger. Hinterher sei er mit Wedekind, der sein Stück begeistert
gelobt, zusammengewesen.“ [Tb Sternheim/CD]
in München versuchte ich Sie noch einmal im Hotel zu treffen, leider
vergeblich. Der spezielle Anlaß meines Besuches war der, daß ich es bei der
kurzen Dauer unseres Daseins es als eine Lücke empfinde, daß Sie
und Maximilian | Harden sich nicht kennenCarl Sternheim folgte Wedekinds Anregung, den Berliner Publizisten Maximilian Harden
kennenzulernen, wie aus seinem Brief vom 3.4.1914 an Thea Sternheim hervorgeht: „Ich
habe 48 prachtvolle Stunden hinter mir. Ich war mit Reinhardt, Harden und Rathenau
(mit jedem einzeln) zusammen und wie es das Schicksal will, alle waren auf der Höhe
ihrer Menschlichkeit.“ [Wendler 1988, Bd. 2, S. 144] Er widmete dem Publizisten wenige
Tage später ein Exemplar seiner Novelle „Busekow“ (1914): „Maximilian Harden mit freundlichen
Grüßen Carl Sternheim La Hulpe Belgien 6/4 1914.“ [Zentral- und Landesbibliothek Berlin,
Signatur Cm 6858; https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/Object/Show/object_id/1461]
Maximilian Harden stand Carl Sternheim dann bei öffentlichen Angriffen gegen sein
Werk bei [vgl. Martin 1996, S. 32f.].. Harden interessiert sich für Ihre
Kunst und ich habe ihm viel von Ihnen erzählt. Ich betreibe dies
Kupplergeschäft ohne irgend wie beauftragt zu sein./,/ nur im
Interesse daran, daß heute geschieht was morgen oder später doch geschehen
würde und meinem Empfinden | noch schöne Früchte tragen müßte. Vielleicht
nehmen Sie also, die Gelegenheit wahr, Harden anzurufen und zu besuchen. Zu dem
großen dauernden ErfolgCarl Sternheims Komödie „Der Snob“ (1914) war seit der Uraufführung am 2.2.1914 an
den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin, zu der Wedekind dem Verfasser
telegrafiert hatte [vgl. Wedekind an Carl Sternheim, 2.2.1914 und 4.2.1914], dort
auf dem Spielplan [vgl. Berliner Tageblatt, Jg. 43, Nr. 127, 11.3.1914, Morgen-Ausgabe,
5. Beiblatt, S. (2)]. Ihres „Snob“ aufrichtige Glückwünsche. Ich freue mich
ungeheuer über die Erfrischung, die Ihre Kunst in die Schlafmützenhaftigkeitdie Schlafmütze als karikierendes Attribut der Figur des ‚deutschen Michel‘ in der
politischen Ikonographie des 19. Jahrhunderts. Wedekind verstand Maximilian Harden
„als Antipoden der ‚Schlafmützen‘“ [Martin 1996, S. 32], wie ein Gedicht belegt, das
den Publizisten meinte (am 7.4.1912 im „Berliner Lokal-Anzeiger“ gedruckt [vgl. KSA
1/I, S. 1728; vgl. Wedekind an „Berliner Lokal-Anzeiger“, 29.3.1912]): „In unserer
Zeit, in der Schlafmützen / Weit fester auf dem Kopf als Kronen sitzen, / In unsrer
satten, matten, dumpfen Zeit / Bin ich aufs tiefste von dem Wunsch beseelt, / Es möge
uns, die geistige Not zu enden, / Ein gnädiger Himmel Männer senden, / Denen vor Größe,
vor Erhabenheit | Es weder an Verstand noch Tatkraft fehlt.“ [KSA 1/I, S. 594] Die
Verse hat Wedekind im Frühjahr 1914 [vgl. KSA 1/I, S. 1638f.] in den Gedichtentwurf
„Schlafmützen“ integriert, der zugleich „HARDEN“ überschrieben ist [vgl. KSA 1/I,
S. 761].
unserer Literatur bringt.
Mit herzlichen Empfehlungen |
an Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin von meiner Frau und mir
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
München 11.III.14.