Lieber Frank Wedekind, bitte nehmen Sie Frau Kurt Siegfrieddie Witwe Bertha Siegfried (geb. Kasch) aus Lübeck (Adolfstraße 15) [vgl. Lübeckisches
Adreßbuch für 1905, Teil II, S. 554], Mutter des 1903 in München zu Tode gekommenen
Studenten stud. jur. Kurt Siegfried, zuletzt im Sommersemester 1903 an der Universität
München verzeichnet, an den vier Briefe von Detlev von Liliencron sowie ein Kondolenzbrief
an die Mutter vom 5.8.1903 überliefert sind [vgl. Kurt Ziesenitz: Fünf unveröffentlichte
Liliencron-Briefe. In: Deutsche Rundschau, Bd. 201, Jg. 51, 4. Quartal, Heft 1, Oktober
1924, S. 39-42].
aus Lübeck freundlich | auf. Immer Ihr
DETLEV FREIHERR VON LILIENCRON,
HAUPTMANN A. D.
Digitale Briefedition
Frank Wedekind (1864-1918) zählt heute wie kein anderer zu den bahnbrechenden Autoren der literarischen Moderne. Seine Korrespondenz ist von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung. Die Textsorte Brief in allen ihren Ausformungen – Briefkarte, Postkarte, Telegramm, Visitenkarte etc. – ist in seiner Zeit die zentrale privat-öffentliche Kommunikationsform, die im kulturellen Gedächtnis bis heute präsent ist. Das spezifische Potenzial interaktiver und synoptischer Darstellung von ‚Text' und ‚Schriftbild' macht die Online-Edition von Briefen attraktiv.
Mit der für die Wedekind-Briefedition neu konzipierten Systemarchitektur wurde durch zahlreiche Recherchetools und transparente Verweisungen ein komplexes, aber auch einfach zu bedienendes Informationssystem geschaffen. Neben der üblichen Volltextsuche wird die gezielte Suche nach Personen, Orten, Datumsangaben etc. angeboten. Ebenso ist eine gezielte Auswahl von Briefwechseln zwischen bestimmten Personen möglich, um Konversationsketten analysieren zu können.
Vor 121 Jahren
Detlev von Liliencron an Frank Wedekind am 5.3.1905
Faksimile des Tages
Frank Wedekind an Leopold Jessner am 21.9.1913
= dringend = leopold jessner
thaliatheater hamburg =
Telegraphie des Deutschen Reichs.
Hamburg Telegraphenamt.
Telegramm aus berlin [...]
herrn oberregisseur leopold jessnerLeopold Jessner in Hamburg (Grindelallee 3) war Oberregisseur am Hamburger Thalia-Theater (Direktion: Max Bachur) [vgl. Neuer Theater-Almanach 1914, S. 475]. in hamburg danke ich weitaus die groeszte kuenstlerische foerderungAnspielung auf Leopold Jessners „Lulu“-Inszenierung (Premiere: 31.8.1913) am Thalia-Theater in Hamburg, die noch immer auf dem Spielplan stand (mit Käthe Franck-Witt in der Titelrolle), wie Wedekind der überregionalen Hamburger Presse entnehmen konnte: „Thalia-Theater. Direktion: Max Bachur. Sonntag, den 21. September. Nachmittags 2½ Uhr. Bei kleinen Preisen. Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen von Frank Wedekind. In Scene gesetzt von Herrn Leopold Jessner. [...] Die ersten drei Akte spielen in Deutschland, der vierte in Paris, der fünfte in London.“ [Hamburgischer Correspondent, Jg. 183, Nr. 481, 21.9.1913, Morgen-Ausgabe, 3. Beilage, S. (1)] Leopold Jessner, der auch im „Wedekindbuch“ vertreten ist [vgl. Friedenthal 1914, S. 273f.], gehörte in der Tat zu Wedekinds Förderern. die ich ausser in berlin inirgendÜbertragungsfehler, statt: in irgend. einer stadt deutschlands gefunden habe = frank wedekind.
Faksimile des Tages
Frank Wedekind an Kurt Martens am 6.3.1910
HÔTEL BLAUER STERN
CARL SELTMANN.
TELEGRAMM-ADRESSE:
STERNHÔTEL PRAG.
PRAGWedekind befand sich auf einer Lesereise, zu der er am 26.2.1910 von München aufgebrochen war (sie führte ihn nach Wien, Olmütz, Prag, Teplitz und Dresden); er traf am 4.3.1910 um 15 Uhr zu seinem „Vortrag in Prag“ [Tb] ein, der um 19.30 Uhr im Hotel Central stattfand: „Heute abends pünktlich ½8 Uhr findet im Zentral-Hotelsaale die einzige Vorlesung Frank Wedekind aus eigenen Werken statt.“ [Prager Tagblatt, Jg. 34, Nr. 63, 5.3.1910, Morgen-Ausgabe, S. 8], 6.III.10.
Mein lieber MartensKurt Martens lebte seinerzeit in Loschwitz bei Dresden und ist dort unter zwei Adressen verzeichnet – Bergstraße 1 [vgl. Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1910, Teil VI, S. 273] und Schillerstraße 24 [vgl. Kürschners Literaturkalender auf das Jahr 1910, Teil II, Sp. 1043].!
Ich danke Dir für das BuchHinweis auf ein nicht überliefertes Begleitschreiben zur Buchsendung (oder eine Widmung im Buch); erschlossenes Korrespondenzstück: Kurt Martens an Wedekind, 30.1.1910. Wedekind bedankt sich für den bei Egon Fleischel & Co. in Berlin verlegten Band „Drei Novellen von adeliger Lust“ (1909), der die Novellen „Die Panacee des Lebens“, „Der Emigrant“ und „Caritas Mimi“ enthält – die erste dieser Novellen, deren Titel Wedekind im vorliegenden Brief nicht nennt, hat er in einem früheren Brief sehr gelobt [vgl. Wedekind an Kurt Martens, 15.1.1910]; der Freund war dann am 16.1.1910 in München bei ihm zu Besuch – „Zum Abendessen kommt Martens“ [Tb] – und dürfte ihm den Band nach seiner Rückkehr nach Loschwitz bald zugeschickt haben, vermutlich mit einer Widmung. und beglückwünsche Dich herzlich zu Caritas Mimi über das ich gerne mit Dir sprechen möchte. Auch Der Emigrant ist ein Juwel aber Caritas MimiDie Novelle aus dem Band „Drei Novellen von adeliger Lust“ (siehe oben) ist in der gedruckten Widmung der Buchausgabe des Einakters „In allen Wassern gewaschen“ (1910) – „Kurt Martens dem Dichter von ‚Caritas Mimi‘ gewidmet“ [KSA 7/I, S. 65] – besonders hervorgehoben [vgl. KSA 7/II, S. 667, 690, 802] und 1914 auch in die Edition des Schauspiels „Schloß Wetterstein“ in den „Gesammelten Werken“ aufgenommen [vgl. KSA 7/I, S. 158; KSA 7/II, S. 693]. scheint mir für Dich ein Wendepunkt.Ich komme am 8.Frank Wedekind traf im Zuge seiner Lesereise (siehe oben) am 8.3.1910 in Dresden ein, wo er zunächst seine Schwester Erika Wedekind besuchte – „Fahrt nach Dresden. Besuch bei Mietze“ [Tb] – und dann abends Kurt Martens traf (siehe unten). Nachmittag nach Dresden, werde dann meine Schwester aufsuchen und mache Dir | den Vorschlag, daß wir e/e/ventuell auch Herr v. d. GablenzGeorg von der Gabelentz war Schriftsteller in Dresden (Lukasstraße 6) [vgl. Kürschner Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1910, Teil II, Sp. 473], zugleich Rittmeister und Großherzoglich Sächsischer Kammerherr [vgl. Adreßbuch für Dresden 1910, Teil I, S. 218]. Er war am 8.3.1910 abends im Weinrestaurant Zum neuen Palais de Saxe (Neumarkt 9) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1910, Teil III, S. 461] mit dabei, wo Wedekind sich mit Kurt Martens, dem Chefredakteur der „Dresdner Neuesten Nachrichten“ Julius Ferdinand Wollf und seinem Schwager Walther Oschwald traf: „Mit Martens Gablenz Wollf und Walter im Hotel d. Saxe.“ [Tb] uns um 10 Uhr22 Uhr. im Palais de Saxe treffen, da Du doch am 9.Kurt Martens war am 9.3.1910 verhindert, als Wedekind um 20 Uhr im Künstlerhaus auf Einladung der Buchhandlung Carl Tittmann in Dresden – angekündigt war: „Frank Wedekinds einmaliger Vortragsabend findet heute abend 8 Uhr im Künstlerhause statt. (Karten in Carl Tittmanns Buchhandlung, Prager Straße 19, und an der Abendkasse.)“ [Dresdner Nachrichten, Jg. 54, Nr. 67, 9.3.1910, S. (4)] „Auf den einmaligen Vortragsabend, den Frank Wedekind nächsten Mittwoch, abends 8 Uhr, veranstaltet, sei nochmals aufmerksam gemacht“ [Literarische Veranstaltungen der Tittmannschen Buchhandlung im Künstlerhause. In: Dresdner Nachrichten, Jg. 54, Nr. 64, 6.3.1910, S. (4)] – sein Drama „Die Büchse der Pandora“ vorlas: „Abends Vortrag d. B. d. Pandora.“ [Tb] Er las das ganze Stück: „Der zehnte Literarische Abend der Tittmannschen Buchhandlung brachte gestern noch ein Erlebnis: Frank Wedekind las die jüngste (dritte) Fassung des zweiten Teils seiner Lulu-Tragödie, die ‚Büchse der Pandora‘ vor. [...] Jedenfalls aber lebt in den Resultaten dieser Versuche Wedekinds ein Stück Zeitausdruck, wie ihn in dieser Intensität zurzeit kaum ein Zweiter in Deutschland zu geben hat, und innerhalb des mit Ereignissen nicht gerade gesegneten Dresdner Winters war dieser Vortrag Frank Wedekinds eines der bedeutsamsten. Bedauerlich war nur, daß Wedekind nicht von vornherein seine Absicht, das ganze Werk vorzutragen, mitteilte, so daß ein Teil der Zuhörer bereits in der Pause nach dem zweiten Akt den Saal verließ.“ [P.F.: „Die Büchse der Pandora.“ Vorlesung Frank Wedekind. In: Dresdner Neueste Nachrichten, Jg. 18, Nr. 67, 11.3.1910, S. 1-2]. Eine von der Buchhandlung Carl Tittmann in Dresden (Prager Straße 19) [vgl. Adreßbuch für Dresden 1909, Teil V, S. 62] veranstaltete Lesung war zuerst für den 5.4.1909 in Aussicht genommen worden [vgl. Wedekind an Emil Gutmann, 19.1.1909]. nicht frei bist. Gieb mir bitte Nachricht nach Webers Hotel ob es Dir so paßt. Ich freue mich sehr Dich wiederzusehen. Später wird es kaum möglich sein, da ich am 10.Wedekind notierte am 10.3.1910 vormittags seine Rückfahrt nach München und beendete damit seine Lesereise (siehe oben): „Um 11 Uhr Abfahrt nach München“ [Tb]. früh nach München zurück möchte.
Mit besten Grüßen und der Bitte mich Deiner verehrten Frau Gemahlin zu empfehlen Dein
Frank Wedekind.
Faksimile des Tages
Maximilian Harden an Frank Wedekind am 9.12.1912
(Postkarte: Herrn Frank Wedekind
München Prinzregentenstraße)
Grunewald, 9.12.12
Ihnen, verehrter, lieber Herr Wedekind, und Ihren vier
FreundenArtur Kutscher, Stefan Zweig, Joachim Friedenthal und ein nicht identifizierter Freund
von Hans Richard Weinhöppel, mit denen Wedekind am 6.12.1912 im Anschluss an seine
Lesung in Kutschers Seminar im Ratskeller (Marienplatz 8), einem Münchner Weinrestaurant
(auch Rathauskeller genannt), zusammen war: „In Kutschers Seminar lese ich [...].
Nachher RK mit Kutscher Stephan Zweig Friedenthal und einem Freund Weinhöppels“ [Tb].
Stefan Zweig, der erst morgens in München eingetroffen war, notierte am 6.12.1912
seinen Besuch im „Seminar bei Kutscher“ von Wedekinds Lesung, außerdem: „Ich sitze
bei ihm und Friedental [...] nachher noch nachts bis drei im Rathauskeller. Haß gegen
Hauptmann haben sie alle, das spüre ich und Wut gegen die Kritik, man muß sie schonen.“
[Tb Zweig] aus dem Rathskeller den wärmsten DankHinweis auf eine nicht überlieferte Postkarte; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind
an Maximilian Harden, 6.12.1912. Mitunterschrieben haben Artur Kutscher, Stefan Zweig,
Joachim Friedenthal und eine weitere nicht identifizierte Person (siehe oben). und die herzlichsten Wünsche von
Ihrem
Harden,
der hofft, daß Sie Sieg und Plageder Erfolg der Uraufführung von „Franziska“ am 30.11.1912 an den Münchner Kammerspielen
(Direktion: Eugen Robert) auf der einen Seite, Wedekinds Schwierigkeiten mit der Zensur,
die für die öffentlichen Vorstellungen von „Franziska“ Streichungen angeordnet hatte
[vgl. KSA 7/II, S. 1192], auf der anderen. gut überstanden haben, von Herzen gratuliert
und sich der verehrten Frau empfiehlt.
Faksimile des Tages
Frank Wedekind u. a. an Maximilian Harden am 11.8.1917
Walter Doepfner
Luzern
Sehr verehrter Herr Harden!
Wollen Sie bitte den Ausdruck tiefsten Mitempfindens mit dem
schweren Verhängnisein erneutes Verbot der von Maximilian Harden herausgegebenen Wochenschrift. Wegen
eines „Zukunft“-Artikels [vgl. Vor dem vierten Thor. In: Die Zukunft, Jg. 25, Nr.
39, 30.6.1917, S. 331-354], in dem „Meinungsäußerungen der Entente über die Kriegszielpolitik
der deutschen Sozialdemokratie und über die geplante Stockholmer Friedenskonferenz
abgedruckt“ [Hellige 1983, S. 730] war, wurde von der militärischen Zensurbehörde
ein Dauerverbot verfügt, das Maximilian Harden in seinem Brief an Walther Rathenau
vom 5.7.1917 beschrieb und die Mitteilung zitierte: „Die Zkft. ist ‚für die Dauer
des Krieges‘ verboten, weil ‚die Ausführungen im letzten Heft den Interessen der militärischen
Kriegführung zuwider laufen‘. Das Grab meines bißchen ‚Wirkens‘. 5 Zeilen.“ [Hellige
1983, S. 732] Die Zeitschrift war vom 3.7.1917 bis 1.12.1917 verboten und zu dem Publikationsverbot
kam für Maximilian Harden ein Redeverbot [vgl. Martin 1996, S. 139]., das über Sie und Ihr Werk hereingebrochen ist entgegennehmen
Ihr herzlich ergebener
Frank Wedekind.
Sehr geschätzter Herr Harden!
Als DirectorWaldemar Wendland war Direktor des Künstlertheaters (im Saal Zur Kaufleuten) in Zürich, seine Frau Olga Wohlbrück dort Oberregisseurin und deren Tochter Vera Bern Bürochefin [vgl. Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1918, S. 635]. des Künstler-Theaters und der sich in diesem Herbst – Winter daran anschließenden | Schweizer Volksbühneder Dramatische Verein Zürich (als freie Bühne im Zentralverband Schweizer Dramatischer Vereine), der im Herbst nicht am Künstlertheater (siehe oben), sondern „nach langjähriger Pause zum erstenmal wieder“ [Neue Zürcher Nachrichten, Jg. 12, Nr. 324, 23.11.1917, 2. Blatt, S. (2)] am Pfauentheater und Stadttheater gastierte., zweier Bühnen, die Vorträge prominenter deutscher Persönlichkeiten in ihr Programm aufgenommen haben, will ich mit größter Freude und Hoffnung und mit Unterstützung Herrn Wedekinds bei der mir recht gewogenen Berner deutschen GesandschaftSchreibversehen, statt: Gesandtschaft. Das deutsche Konsulat, die Gesandtschaft des Deutschen Reichs in Bern [vgl. Adressbuch der Stadt Bern 1917, Teil I, S. 21], war für Kulturangelegenheiten zuständig; seit Ende 1916 war Harry Graf Kessler Leiter der Abteilung für deutsche Kulturpropaganda und somit für Vorträge in der Schweiz verantwortlich. versuchen, in der Schweiz im September ‒ Oktober einige Vortragsabende für Sie zu arrangieren ‒ wenn Sie wollen. Wollen Sie? Und Thema??? Wir wären sehr glücklich, Ihnen eine Freude | damit zu machen.
In aufrichtiger Verehrung
Ihr
Waldemar Wendland
Verehrter Meister Harden,
wir schaffens, daß wir Sie hier sehen. Wedekind und
einige andere werden mir helfen. Tausend Grüße
Ihres immer getreuen
Steinthal
(Zürich, Fraumünsterstraße 19) |
Sehr verehrter Herr Harden,
Ich hoffe sehr, Sie bald in unsrer Mitte zu sehen. Ihnen zuhören zu dürfen und mit Ihnen auf die „Zukunft“ anzustoßen, die wir uns nie u. nimmer nehmen lassen!
Aufrichtig ergeben
Olga Wohlbrück-Wendland
Hochverehrte Herr Harden, dies schrieben wirErläuterung von Walther Steinthal zum vorliegenden Brief, ein dem Brief später hinzugefügter Nachsatz, der nicht exakt zu datieren ist. vor ein paar Wochenam 11.8.1917, wie Wedekind an diesem Tag notierte: „Fahrt nach Luzern. Hotel Germania. Abendessen mit Wendland, Wohlbrück, Frl. Wera und Dr. Steinthal (Berliner Montagszeitung) im St. Gotthart.“ [Tb] in Luzern, bekamen es aber nicht über die Grenze. Nun bin ich hier und brachte es mit. –
Stets in Verehrung Ihr
Walther SteinthalW. St.