Seinem
lieben Bruder
Armin.
London 27. FebruarFebr. 94.
Frank Wedekind.
Dem vermummten Herrn der Verfasser.
Frank Wedekind (1864-1918) zählt heute wie kein anderer zu den bahnbrechenden Autoren der literarischen Moderne. Seine Korrespondenz ist von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung. Die Textsorte Brief in allen ihren Ausformungen – Briefkarte, Postkarte, Telegramm, Visitenkarte etc. – ist in seiner Zeit die zentrale privat-öffentliche Kommunikationsform, die im kulturellen Gedächtnis bis heute präsent ist. Das spezifische Potenzial interaktiver und synoptischer Darstellung von ‚Text' und ‚Schriftbild' macht die Online-Edition von Briefen attraktiv.
Mit der für die Wedekind-Briefedition neu konzipierten Systemarchitektur wurde durch zahlreiche Recherchetools und transparente Verweisungen ein komplexes, aber auch einfach zu bedienendes Informationssystem geschaffen. Neben der üblichen Volltextsuche wird die gezielte Suche nach Personen, Orten, Datumsangaben etc. angeboten. Ebenso ist eine gezielte Auswahl von Briefwechseln zwischen bestimmten Personen möglich, um Konversationsketten analysieren zu können.
Seinem
lieben Bruder
Armin.
London 27. FebruarFebr. 94.
Frank Wedekind.
Dem vermummten Herrn der Verfasser.
Sehr verehrter Herr JeßnerLeopold Jessner in Hamburg (Hansastraße 78) war Oberregisseur am Hamburger Thalia-Theater [vgl. Neuer Theater-Almanach 1911, S. 476].!
Ihre Nachrichtnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Leopold Jessner an Wedekind, 29.9.1910. trifft mich eben im Begriff nach BerlinWedekind notierte am 30.9.1910: „Fahrt nach Berlin.“ [Tb] zu den Proben von LiebestrankProben für die Premiere seines Schwanks „Der Liebestrank“ (1899) am Kleinen Theater (Direktion: Victor Barnowsky) in Berlin (zusammen mit dem Einakter „Die Zensur“ aufgeführt) notierte Wedekind im Tagebuch am 4.10.1910 („Probe von Zensur und Liebestrank“) und 5.10.1910 („Generalprobe von Zensur und Liebestrank“), dann am 6.10.1910 die Premiere seines Gastspiels („Premiere von Zensur und Liebestrank“), das bis zum 19.10.1910 dauerte; er reiste am 20.10.1910 zurück nach München. zu fahren. Ich werde in Berlin wahrscheinlich in einer PensionWedekind, der in einem Brief „Schiffbauerdamm 6“ [Wedekind an Alfred Holzbock, 5.10.1910] als Adresse angab, logierte demzufolge in Berlin im Orient-Hotel (Schiffbauerdamm 6/7) [vgl. Berliner Adreßbuch 1911, Teil I, S. 2125; Teil IV, S. 187]; das Haus, in dem sich das Hotel befand, gehörte dem Neuen Theater. wohnen. Sollten Sie nach Berlin kommen, dann würde ich Sie bitten im Kleinen Theaterim Kleinen Theater in Berlin (Unter den Linden 44) [vgl. Berliner Adreßbuch 1911, Teil I, S. 1396]. zu fragen. Sonst Übrigens theile ich | IhnenHinweis auf eine nicht überlieferte Mitteilung; erschlossenes Korrespondenzstück: Wedekind an Leopold Jessner, 1.10.1910. meine Adresse morgen Abend von Berlin aus mit.
Wenn Sie am 4am 4.10.1910; die Presse meldete (im Vorabendblatt einen Tag vordatiert) die Ankunft von „Oberregisseur Leopold Jeßner, Hamburg“ [Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 63, Nr. 465, 5.10.1910, Vorabendblatt, S. 5] an diesem Tag in München im Hotel Deutscher Kaiser. nach München kommen, dann würde ich Sie bitten, mit Herrn Bernhart RehseBernhart Rehse, als Schriftsteller in München-Gräfelfing verzeichnet [Kürschers Deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1911, Teil II, Sp. 1340], wohnte als Redakteur ausgewiesen in Gräfelfing (Bahnhofstraße 91) [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil I, S. 476; Vororts-Adreßbuch, S. 19]., RubinverlagDer Rubinverlag in München (Goethestraße 49) war ein Theaterverlag (Inhaber: Wilhelm Köhler) [vgl. Adreßbuch für München 1911, Handels- und Gewerbe-Adreßbuch, S. 45], auch Köhler’s M. & W. Rubinverlag München [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil I, S. 304, 507], der offenbar den Bühnenvertrieb für den Georg Müller Verlag bearbeitete und Bernhart Rehse dort beschäftigt war., Göthestraße 49 zu sprechen. Ich habe eine neue AusgabeWedekinds Tragödie „Die Büchse der Pandora“ (1903) erschien nach den Zensurprozessen 1905/06 in überarbeiteten Ausgaben, hier: „Die Büchse der Pandora. Tragödie in drei Aufzügen von Frank Wedekind. Vom Autor hergestellte Bühnenbearbeitung mit einem Prolog. Siebte Auflage. München und Leipzig bei Georg Müller 1911“ [KSA 3/II, S. 868], die erst im Jahr darauf im Georg Müller Verlag in München herauskam [vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jg. 78, Nr. 129, 7.6.1911, S. 6813]. „Diese Auflage [...] enthält erstmals den ‚Prolog in der Buchhandlung‘.“ [KSA 3/II, S. 868] Leopold Jessner inszenierte die Tragödie nach dieser Fassung am Hamburger Thalia-Theater (Premiere: 23.4.1911) [vgl. KSA 3/II, S. 1274]; die Presse vermerkte: „Wedekind hat eine neue Bearbeitung hergestellt und in ihr alles sorgfältig vermieden, was die letzte Instanz, das Berliner Landgericht II [...] als unzulässig [...] erachtet hatte. Und in dieser Form, allerdings mit weiteren Kürzungen und Milderungen, brachte gestern das Thalia-Theater die Büchse der Pandora zu einer ersten Aufführung in Hamburg. [...] Herr Jeßner verdiente vollauf die Hervorrufe, die ihn am Schlusse auszeichneten.“ [H.O.: Thalia-Theater. Die Büchse der Pandora. Tragödie von Frank Wedekind. In: Neue Hamburger Zeitung, Jg. 16, Nr. 190, 24.4.1911, Abend-Ausgabe, S. (1-2)] der Pandora veranstaltet, in der sich kaum ein Wort mehr findet, an dem die Zensur Anstoß nehmen könnte. Sodann | ist alles literarisch polemische daraus weggelassen, was ja auch künstlerisch nur von übel war. Außerdem enthält die Bearbeitung eine Anzahl Regiebemerkungen und einen „Prolog in der BuchhandlungWedekinds Szene „Prolog in der Buchhandlung“ [KSA 3/I, S. 549-552] wurde erst einige Wochen später im „Pan“ veröffentlicht [vgl. Frank Wedekind: Prolog in der Buchhandlung. Zur „Büchse der Pandora“. In: Pan, Jg. 1, Nr. 2, 15.11.1910, S. 42-46]; sie wurde im Rahmen der Inszenierung am Thalia-Theater (siehe oben) von Leopold Jessner nicht aufgeführt, auch nicht in anderen „Büchse der Pandora“-Inszenierungen [vgl. KSA 3/II, S. 1206]. Wedekind hat im Typoskript „Prolog in der Buchhandlung“ (1910) „Hinweise zur Kostümierung der Sprecher und zur Szenerie verzeichnet“ [KSA 3/II, S. 867], die im Erstdrucke der Szene im „Pan“ nicht übernommen sind.“ der sehr leicht darzustellen ist.
Es thut mir ungemein leid, Sie in München nicht bei mir sehen zu können. Meine Frau und mein Kind fahren auch mit nach Berlin. Dagegen hoffe ich sehr auf eine | recht baldige andere Begegnung.
In vorzüglicher Hochschätzung
mit herzlichem Gruß
Ihr
Frank Wedekind
München 30.9.10.
Prinzregentenstraße 50.
Sehr geehrter Herr Etzel!
Mit dem Inhalt Ihrer geehrten Zeilen vom 9.5.10nicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Theodor Etzel an Wedekind, 9.5.1910. Das Schreiben von Theodor Etzel (Pseudonym von Theodor Schulze), Schriftsteller in München (Isabellastraße 33) [vgl. Adreßbuch für München 1911, Teil I, S. 570], betraf die Nachdrucke von Wedekinds Gedichten „Das Lied vom armen Kind oder Wer zuletzt lacht, lacht am besten“ [KSA 1/I, S. 547-549], „Brigitte B.“ [KSA 1/I, S. 403-405] und „Die Hunde (Elegie)“ [KSA 1/I, S. 424f.] aus der Sammlung „Die vier Jahreszeiten“ (1905) in Band 2 der von Alexander Roda Roda und Theodor Etzel herausgegebenen Anthologie „Welthumor“ [vgl. Welthumor in fünf Bänden. Hg. von Roda Roda und Theodor Etzel. Ein fröhliches Jahrhundert. Berlin, Leipzig (1910), S. 199-205], verlegt von Schuster & Loeffler in Berlin, einschließlich des Honorars (siehe unten). erkläre ich mich hiemit einverstanden und sehe demnach der darin in Aussicht gestellten HonorierungDas Honorar für den Nachdruck von drei Gedichten Wedekinds in Band 2 der Anthologie „Welthumor“ (siehe oben) betrug 80 Mark, wie Wedekind am 20.10.1910 im Kontobuch unter den Einnahmen notierte: „Für mein Beitrag am Welthumor Honorar 80“ [Mü, L 3512]. entgegen.
Mit hochachtungsvollem Gruß
Ihr ergebener
Frank Wedekind.
München, Prinzregentenstraße 50
18.5.10.
Elite-HotelWedekind notierte am 29.5.1912: „Ankunft in Berlin. Wir wohnen Elite Hotel.“ [Tb] Er ist auch bei späteren Aufenthalten in Berlin wieder in diesem renommierten Hotel abgestiegen.
Berlin N.W. Am Bahnhof Friedrichstr.
Sehr verehrter Herr Harden!
Empfangen Sie herzlichsten Dank für Ihre freundlichen Zeilenvgl. Maximilian Harden an Wedekind, 9.6.1912.. Von ganzem Herzen beglückwünsche ich Sie zu den großen Tagen in SkandinavienMaximilian Harden hatte im Frühjahr 1912 auf Einladung der Osloer Studentenschaft eine Vortragsreise nach Norwegen unternommen (nach 24.4.1912 bis vor 5.5.1912). Man brachte ihm große Hochachtung, ja, Bewunderung und Begeisterung entgegen und die Reise wurde „zu einem wahren Triumphzug. Neben seinen Vorträgen [...] über deutsche Politik sprach er auch über Ibsen und kam der Aufforderung nach, am Grab Björnsons eine feierliche Ansprache zu halten.“ [Harry F. Young: Maximilian Harden. Censor Germaniae. Münster 1971, S. 161], von denen ich schon vor Wochen in München hörte. Ich habe die feste | Zuversicht, daß diese Errungenschaften klärend auf Deutschland zurückwirken.
Ihrer liebenswürdigen Einladung folgen zu können wird zu meiner Frau und meinem großem Bedauern vor Schluß der Woche nicht möglich sein. Bis Sonntag ist täglich ProbeWedekind verzeichnete im Zuge seines Gastspiels, dem Wedekind-Zyklus am Deutschen Theater zu Berlin vom 1. bis 16.6.1912, fast tägliche Proben, zuletzt vom 13. bis 15.6.1912 zum „Marquis von Keith“, am 16.6.1912 (Sonntag) dann: „Keine Probe.“ [Tb]. Auf keinen Fall reise ich aber ab | ohne Sie aufgesucht zu habenWedekind hat Maximilian Harden vor seiner Abreise von Berlin am 20.6.1912 [vgl. Tb] nicht mehr aufgesucht.. Ich habe verschiedene Fragen auf dem Herzen auf die ich Ihre Antworten erbitten möchte.
Den Blättern des Deutschen Theaters hatte ich thatsächlich nicht eine andere Zeile als das FranziskafragmentWedekind hatte dem Herausgeber der „Zukunft“ die Szene II/4 aus der neuen Fassung von „Franziska“ [KSA 7/I, S. 341-344] für den Druck angeboten [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 26.4.1912], die dann aber zum Beginn des Wedekind-Zyklus am Deutschen Theater (siehe oben) in der Wedekind-Nummer der „Blätter des Deutschen Theaters“ erschienen ist [vgl. Frank Wedekind: Franziska. Ein modernes Mysterium. Umarbeitung in Versen. In: Blätter des Deutschen Theaters. Nr. 19, 1.6.1912, S. 289-291]. zu bieten./,/ und da ich Sie in Norwegen wußte glaubte ich nicht auf Antwort von Ihnen hoffen zu dürfen.
Mit den besten Grüßen und | Empfehlungen an Sie und Ihre
verehrte Frau Gemahlin von meiner Frau und mir Ihr ergebener
Frank Wedekind.
13.6.12.
Postkarte
Herrn Frank Wedekind
München
Prinzregentenstraße |
26/4
Lieber, verehrter Wedekind, jetzt nur einen ehrlichen Dank für ihr WortWedekinds Brief zum „Zukunft“-Artikel „Wenn ich Wilson wäre“ [vgl. Wedekind an Maximilian Harden, 23.4.1916], in dem Maximilian Harden den amerikanischen Präsidenten als Friedensvermittler vorschlägt [vgl. Die Zukunft, Jg. 24, Nr. 29, 22.4.1916, S. 55-82].. (Das einzige, das von einem in Deutschland dichtenden, schreibenden, journalästelndenWortschöpfung von Maximilian Harden (für eine journalistisch tätigen Menschen). Menschen kam.) Ich danke Ihnen aus dem Herzen. Sie wissen ja, daß es wieder konfiszirtAm 25.4.1916 erging vom Oberkommando in den Marken die Weisung, die Verbreitung des „Zukunft“-Heftes vom 22.4.1916 mit dem Artikel „Wenn ich Wilson wäre“ (siehe oben) zu unterbinden und alle Exemplare zu beschlagnahmen [vgl. Martin 1996, S. 133]. worden ist. Und wissen damit zugleich, daß ich ausscheide. Völlig. Habe es auch heute der militärischenmil. Instanz mitgetheilt. Das Letzte ihr gesagt. Was nun wird, später. Die amerikanischeamerik. SacheDie Torpedierung des englischen Passagierdampfers Sussex am 24.3.1916 durch ein deutsches U-Boot hatte ein amerikanisches Ultimatum an Deutschland zur Folge: Die amerikanische Note vom 20.4.1916 drohte mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland, falls der U-Boot-Krieg gegen Passagier- und Frachtschiffe nicht aufgegeben werde [vgl. Martin 1996, S. 133]. Wedekind sprach am 21.4.1916 in Berlin darüber mit Maximilian Harden: „bei Harden. Die neue Note Amerikas eingetroffen, noch nicht bekannt“ [Tb]. Maximilian Harden schrieb am 22.4.1916 in dieser Sache einen Brief an den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg [vgl. Martin 1996, S. 133f.]. wird, hoffe ich, leidlich abgehen. Was ein Privater thun konnte, habe ich gethan. Ich sende Ihnen einee. Abschrift des BriefesMaximilian Hardens Brief an den Reichskanzler über die amerikanische Note zum deutschen U-Boot-Krieg (siehe oben)., an Bethmann HollwegBH, sobald ich sie habe.
Einstweilen:
aufrichtig dankbare Wünsche
Ihr
H