Lieber Martens!
Empfang meinen herzlichen Dank für Deine liebe
Einladungnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Kurt Martens an Wedekind, 2.6.1913.. Leider erhielten wir vorgestern Abend die Nachrichtnicht überliefert; erschlossenes Korrespondenzstück: Eugen Robert an Wedekind, 1.6.1913.
Wedekind notierte am 1.6.1913: „Telegramm von Robert.“ [Tb] Eugen Robert, Direktor
der Münchner Kammerspiele, die gerade ein Ensemblegastspiel am Deutschen Volkstheater
in Wien gaben (es hatte am 27.5.1913 begonnen), in dessen Rahmen auch Wedekinds „Franziska“
gespielt wurde (Vorstellungen am 7.6.1913, 9.6.1913 und 12.6.1913), dürfte Wedekind
telegrafisch aufgefordert haben, rasch nach Wien zu kommen., daß wir nach Wien
fahrenWedekind notierte am 3.6.1913 die Abreise „nach Wien“ [Tb], wo er und seine Frau ab
dem 7.6.1913 am Deutschen Volkstheater im Rahmen des Ensemblegastspiel der Münchner
Kammerspiele (Direktion: Eugen Robert) ein „Franziska“-Gastspiel gaben (siehe oben). müssen. Es galt zuerst die Kinder unterzubringenWedekind notierte am 3.6.1913: „Martha bringt die Kinder nach Lenzburg“ [Tb]; seine
Schwägerin Martha Newes hatte es übernommen, die beiden Töchter Pamela und Kadidja
zu ihrer Großmutter in die Schweiz zu bringen. und dann die Koffer zu
packenWedekind notierte am 2.6.1913: „Koffer gepackt.“ [Tb]. Heute Abend fahren wir. Ich kann aber nicht | reisen, ohne Dir vorher
meinen aufrichtigen herzlichen DankWedekind bedankt sich erneut [vgl. Wedekind an Kurt Martens, 25.5.1913] bei Kurt Martens,
stellvertretender Vorsitzender der am 7.3.1913 gegründeten Ortsgruppe München des
Schutzverbandes deutscher Schriftsteller (SDS), der sich gegen das Zensurverbot der
„Lulu“-Tragödie (eine fünfaktige Fassung der Doppeltragödie „Erdgeist“ und „Die Büchse
der Pandora“) eingesetzt hat, die durch das Votum des Zensurbeirats legitimiert war.
Der SDS hatte sich 28.5.1913 in seiner Mitgliederversammlung „geschlossen hinter Wedekind“
[KSA 3/II, S. 1207] gestellt und eine Resolution verfasst, die am 28.5.1913 in der
„Münchener Zeitung“ [vgl. KSA 3/II, S. 1290] und in den „Münchner Neuesten Nachrichten“
(im Vorabendblatt einen Tag vordatiert) veröffentlicht wurde: „Der Schutzverband deutscher
Schriftsteller (Ortsgruppe München) faßte gestern abend in einer Mitgliederversammlung
nach einem Referat von Dr. Kurt Martens folgende Resolution: ‚Nach den neuesten Erfahrungen,
die mit dem Zensurbeirat gemacht wurden, ist es mit der Würde eines deutschen Schriftstellers
künftig nicht mehr vereinbar, dem Münchener Zensurbeirat anzugehören.‘ Ferner wurde
beschlossen, eine große Versammlung einzuberufen, in der über das Thema: ‚Kunst und
Polizei – Münchner Zensurverhältnisse‘ gesprochen werden soll.“ [Münchner Neueste
Nachrichten, Jg. 66, Nr. 268, 29.5.1913, Vorabendblatt, S. 3] Kurt Martens hatte außerdem
am 27.5.1913 zu Wedekinds Schwierigkeiten mit der Zensur einen Leitartikel veröffentlicht
(siehe unten). gesagt zu haben für die großen Opfer an
Zeit und Mühe, die Du in den letzten Wochen in meinen Angelegenheiten gebracht
hast. Wenn sich meine AngelegenheitenWedekinds Schwierigkeiten mit der Zensur (siehe oben). mit denjenigen der Allgemeinheit
theilweise deckten so entbindet mich das nicht meiner Dankbarkeit Dir | gegenüber.Kurt Martens hat danach ein Kreuzchen („x“) als Anmerkungszeichen gesetzt und unten
auf der Seite die Anmerkung dazu formuliert: „x bezieht sich auf W’s Kampf mit der
Münchner Zensur u einem Leitartikel von mir darüber in den ‚M.N.N.‘ Martens“ (siehe
den Hinweis zur Materialität). Kurt Martens hatte in den „Münchner Neuesten Nachrichten“
am 27.5.1913 (im Vorabendblatt einen Tag vordatiert) zu dem „Lulu“-Zensurverbot (siehe
oben) einen Leitartikel veröffentlicht, in dem es heißt: „Die Partei, die gegenwärtig
in Bayern den Ton angibt, hat niemals Wert darauf gelegt, für eine Beschützerin der
Künste und Wissenschaften zu gelten. Die Dichtung aber betrachtet sie als ihren gefährlichsten
Widersacher [...]. Eines der wenigen Kampfmittel gegen die Dichter, die ihr noch blieben,
ist die Handhabung der polizeilichen Zensur. [...] Das Verbot von Wedekinds Tragödie
‚Lulu‘ [...] ist kein Sonderfall, sondern typisch zu nehmen. Das, was heute und gestern
Frank Wedekind angetan wurde, kann morgen jedes [...] Talent zu erdulden haben. [...]
So und so viele wertvolle Dramen werden von den Bühnen von vornherein nicht in Betracht
gezogen, weil mit einem Zensurverbot gerechnet werden muß. Was die Zensur von der
öffentlichen Aufführung einer ihr unsympathischen Dichtung eigentlich fürchtet, ist
niemals klar geworden. [...] Selbst die Ausrede, die früher einmal von irgend einem
Zensor vorgebracht wurde, das Publikum wünsche die Wedekindschen Dramen gar nicht
[...] ist heute hinfällig. Frank Wedekind ist nicht nur von der Literaturgeschichte
als einer der hervorragendsten deutschen Dramatiker anerkannt, sondern auch inzwischen
nahezu populär geworden. [...] Nun hat die Zensurbehörde ihre Verantwortlichkeit zum
Teil auf einen sogenannten Zensurbeirat abzuwälzen gesucht, eine [...] Gruppe von
Herren, die zum kleinsten Teil literarische Sachverständige, in ihrer erdrückenden
Mehrheit aber [...] Gegner der modernen Dichtung sind. Ihre Majorität soll sich [...]
gegen die Aufführung der ‚Lulu‘ ausgesprochen haben. [...] Die Entwicklung von Kunst
und Dichtung läßt sich mit Polizeigewalt ebensowenig aufhalten wie der Fortschritt
der Wissenschaften und Weltanschauungen. [...] die Herren, die jetzt am Ruder sind,
sollten es sich lieber zweimal überlegen, ob es politisch klug ist, die Intelligenzen,
die sie für ihre Schlachtreihen nur allzu nötig brauchen, systematisch zu mißachten
und zu unterdrücken. Sie treiben damit die deutschen Schriftsteller, die von Natur
durchaus keine Feinde der staatlichen und sittlichen Ordnung sind, scharenweise in
das Lager einer grundsätzlichen Opposition hinüber.“ [Kurt Martens: Das neueste Zensurverbot.
In: Münchner Neueste Nachrichten, Jg. 66, Nr. 266, 28.5.1913, Vorabendblatt, S. 1]
EmpfielSchreibversehen, statt: Empfiehl. mich bitte Deiner verehrten Gattin und
sei bestens gegrüßt von
Deinem alten
Frank Wedekind.
3.6.13.