Briefwechsel

Wedekind, Frank und Hamann, Wilhelm

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Berlin, 12. April 1907 (Freitag)
von Wedekind, Frank
an Hamann, Wilhelm

Meyer, R. Rentièreauch: Rentiere (männliche Form: Rentier); Person, die nicht von Erwerbsarbeit, sondern von Aktien, Anleihen, angelegtem Kapital etc. lebt..

Die unter mir wohnenden HerrschaftenDie Rentiere Rosa Meyer (geb. Wollmann) wohnte mit ihrer Tochter ein Stockwerk unter Wedekind: Berlin W 62, Kurfürstenstraße 125, 2. Stock [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1572]. Wedekind fühlte sich durch das Klavierspiel der Tochter Anna Meyer gestört, wie er seinem Vermieter Wilhelm Hamann hier sarkastisch schreibt. Er hatte eine Abneigung gegen „Klaviergeklimper“ [Wedekind an Maximilian Harden, 10.9.1913; Gästebucheintrag]. setzen ihre Ehre darein, mich aus dem Hause zu jagen. Ich kann die Herrschaften an der Ausführung dieses künstlerischen Unternehmens nicht hindern. Jedenfalls aber habe ich, bevor ich die Wohnung mieteteDem Tagebuch zufolge besichtigte Wedekind die Wohnung im 3. Stock rechts der Kurfürstenstraße 125 am 29.5.1906: „Sehe mit Tilly die Wohnung an.“ Das Paar zog am 31.8.1906 dort ein ‒ an diesem Tag fand der „Umzug“ [Tb] statt. alle nötigen Erkundigungen eingezogen, um diesem traurigen Schicksal nicht ausgesetzt zu sein. Vielleicht entschließen SieWilhelm Hamann, der Vermieter [vgl. Wedekind an Wilhelm Hamann, 17.4.1907]. sich, den Herrschaften diese Zeilen zu lesen zu geben. Es wäre ja vielleicht nicht ausgeschlossen, daß sie daraufhin auf die Ehre, mich zum Haus hinaus zu jagen, verzichten.

Hochachtungsvoll
FrW.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 17. April 1907 (Mittwoch)
von Wedekind, Frank
an Hamann, Wilhelm

Sehr geehrter HerrAdressat ist der Eigentümer des Hauses Kurfürstenstraße 125 in Berlin [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil III, S. 429], der dort im Parterre ein Baugeschäft betrieb (gegründet 1872): Wilhelm Hamann, Maurer- und Zimmermeister. Er hatte vor Jahren selbst einmal in dem Haus gewohnt; aktuell wohnte er in der Kyffhäuserstraße 11 [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 784].

Beiliegenden BriefEs dürfte sich um jenen früheren Brief Wedekinds an seinen Vermieter gehandelt haben, der im Notizbuch unmittelbar davor notiert ist [vgl. Wedekind an Wilhelm Hamann, 12.4.1907]., den ich Ihnen vor einigen Tagen schrieb, schickte ich nicht ab, da ich immer noch hoffte, daß sich die Verhältnisse bessern würden ich mich in der Beurtheilung der Verhältnisse geirrt hätte. Ich habe mich leider getäuscht Leider ist das nicht der Fall. SonntagDen vormittäglichen Besuch von Walther Rathenau und Max Reinhardt hat Wedekind zwar im Tagebuch nicht festgehalten, es muss sich aber um einen Besuch am 14.4.1907 gehandelt haben, da an keinem anderen Sonntag im gegebenen zeitlichen Umkreis der Antritt einer Reise Wedekinds nachweisbar ist (siehe unten). früh um 11 Uhr waren/kamen/ Herr D. Rathenau von der HandelsgesellschaftWalther Rathenau war Mitinhaber der Berliner Handels-Gesellschaft und gehörte dem Direktorium dieser Bank an [vgl. Hellige 1983, S. 480], wie auch der Briefkopf in seinen Schreiben ausweist (siehe Wedekinds Korrespondenz mit Walther Rathenau). und Direktor Reinhardt zu einer Conferenz zu mir. Bis 1 Uhr wo ich verreisen mußteum 13 Uhr am 14.4.1907 (Sonntag), an dem Wedekind seine Abreise notierte: „Wir fahren nach Dresden.“ [Tb] war es mir weder in meinen beiden Vorderzimmern noch in meinem Eßzimmer möglich ein Wort zu sprechen ohne von unten her ununterbrochen durch KlavierspielenWedekinds notierte am 17.4.1907 (zurück aus Dresden): „Besuch bei Frau Meier wegen Klavierspielen.“ [Tb] Die Rentiere Rosa Meyer (geb. Wollmann) wohnte in der Wohnung unter ihm: Kurfürstenstraße 125, 2. Stock [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1572]. Der Konflikt drehte sich um das Klavierspiel ihrer Tochter Anna Meyer. Wedekind hatte eine Abneigung gegen „Klaviergeklimper“ [Wedekind an Maximilian Harden, 10.9.1913]. gestört zu werden. Jetzt habe ich eine unaufschiebbare Arbeit mit einem aus | Wien hergekommenen HerrnEs dürfte sich um den mit Wedekind befreundeten Arthur Holitscher gehandelt haben, der bei ihm an seinem Drama „Der Golem“ arbeitete, wie Wedekind am 16.4.1907 notierte: „Hollitscher arbeitet am Golem bei mir.“ [Tb] Wedekind reiste am 19.4.1907 dann ab nach Wien zum „Hidalla“-Gastspiel am Wiener Bürgertheater [vgl. Tb]. zu erledigen, und wage den Herrn schon gar nicht mehr zum Arbeiten zu mirWedekind wohnte seit dem 31.8.1906 in der Kurfürstenstraße 125, 3. Stock rechts. zu bitten. Mei Die Meine Wohnung ist dadurch völlig für mich entwertet. Ihr HausmeisterHausverwalter war Ernst Martin, ein Schuhmachermeister, der auch in der Kurfürstenstraße 125 wohnte [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil III, S. 429]. hatte mir ausdrücklich zugesichert, daß die Wohnung ruhig sei und daß man fast gar kein Klavierspielen darin höre. Statt dessen muß ich einen Tag wie den andern zwei bis drei Stunden Klavierspiel über mich ergehen lassen. Ihr Hausmeister hat den ReflektantenBewerber, Interessenten. die Wohnung in Ihrem AuftragUmstellung, zuvor: in Ihrem Auftrag die Wohnung. gezeigt, ich hatte daher keine Ursache, seine Auskunft irgendwie anzuzweifeln. Sie werden mich daher deshalb außer dem Schaden der mir ohnehin durch/aus/ die/den/ unwahren Angaben erwächst hoffentlich | nicht noch größere Unkosten tragen lassen wollen und mich, wie ich Ihnen vorschlug aus dem zwischen uns bestehenden Kontrakt entlassen. Die unter mir wohnenden Herrschaftendie Rentiere Rosa Meyer und ihre Tochter Anna (siehe oben). werden natürlich einwenden, daß mir das richtige Verständnis für ihre Musik Musizieren fehle. Ich kann dagegen nur darauf hinweisen, daß ich drei Jahre lang1901 bis 1903 beim Münchner Kabarett Die Elf Scharfrichter. vom Vortrag meiner eigenen musikalischen Produktionen Compositionen gelebt habe, daß man mir den Vortrag meiner Compositionen auch jetzt nochWedekind trat gelegentlich noch immer mit seinen zur Laute gesungenen Liedern auf. So war neben dem Gastspiel des Berliner Kleinen Theaters mit „Hidalla“ in Wien „für Sonntag, den 5 Mai […] eine Wedekind-Matinee geplant, in der unter anderem des Dichters […] ‚Lieder zur Laute‘ zur Aufführung gelangen sollen.“ [Arbeiter-Zeitung, Wien, Jg. 19, Nr. 100, 13.4.1907, Morgenblatt, S. 9] Der Verlängerung des „Hidalla“-Gastspiels wegen fand die Matinee nicht statt. In Budapest trat Wedekind am 14.5.1907 im Lustspieltheater mit seinen Liedern auf, wie er notierte: „Ich […] singe zur Guitarre.“ [Tb] hoch bezahlt und daß ich trotzdem nie einen Nachbar oder Hausgenossen länger als zehn Minuten durch mein MusizierenText von der Zeile darüber durch Einweisungsmarkierung hierher umgestellt. gestört habe. Rücksichtslos sind immer nur diejenigen Musiker, die keine sind.

Hochachtungsvoll
FrW.

Einzelstellenkommentare

Berlin, 28. Oktober 1907 (Montag)
von Wedekind, Frank
an Hamann, Wilhelm

Berlin W. Kurfürstenstraße 125

Herbst 1907.


Ew. HochwohlgeborenAdressat des in ironischem Stil verfassten Briefs ist der Eigentümer des Hauses Kurfürstenstraße 125 in Berlin [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil III, S. 429], der dort im Parterre ein Baugeschäft betrieb: Wilhelm Hamann, Maurer- und Zimmermeister. Er hat vor Jahren selbst einmal in dem Haus gewohnt, aktuell wohnte er in der Kyffhäuserstraße 11 [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 784].!

Da Ew. Hochwohlgeboren mich mit der schmeichelhaften Bitte um ein AutogrammDer Vermieter benötigte eine Unterschrift seines Mieters Frank Wedekind, vermutlich in Zusammenhang mit der Kündigung der Wohnung. beehren, ersuche ich Sie, meine Unterschrift als solches hinzunehmen. Zugleich wollen auch Sie mir erlauben, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. Direkt unter meiner WohnungWedekind wohnte im 3. Stock. Die Rentiere Rosa Meyer (geb. Wollmann) wohnte mit ihrer Tochter Anna Meyer in der Wohnung unter ihm: Kurfürstenstraße 125, 2. Stock [vgl. Berliner Adreßbuch 1907, Teil I, S. 1572]., und zwar Kurfürstenstraße 125 II r spielt die zukünftige Klaviervirtuosin, Fräulein Anna Meyer zu jeder beliebigen Tageszeit stundenlang Klavier und macht mir dadurch jede geistige Arbeit unmöglich. Selbstverständlich habe ich die Wohnung gekündigtWedekind, der die Wohnung im 3. Stock rechts in der Kurfürstenstraße 125 am 31.8.1906 bezogen hat, notierte am 25.10.1907 seine „Wohnungskündigung“ [Tb]., muß die Marter aber noch fast ein JahrWedekind zog im Jahr darauf nach München um (Einzug in die Wohnung Prinzregentenstraße 50 am 1.10.1908). über mich ergehen lassen. Wenn Ew. Hochwohlgeboren irgend etwas, was mit unseren Gesetzen nicht in Widerspruch | steht, dazu tun könnten, um Fräulein Anna Mei/y/er, die meines Erachtens weder Musikgehör noch Empfindung für Rhythmus besitzt, von ihrem KlavierspielWedekind in seiner Abneigung gegen „Klaviergeklimper“ [Wedekind an Maximilian Harden, 10.9.1913] hatte in dieser Angelegenheit bereits im Frühjahr 1907 Beschwerdebriefe an den Vermieter verfasst [vgl. Wedekind an Wilhelm Hamann, 12.4.1907 und 17.4.1907] und einige Tage zuvor in der Sache auch an die unter ihm wohnende Mieterin geschrieben [vgl. Wedekind an Rosa Meyer, 25.10.1907]. abzuhalten, so würden Sie dadurch zu aufrichtiger tiefster Dankbarkeit verpflichten

Ew. Hochwohlgeboren ergebenen
Frank Wedekind

Einzelstellenkommentare